warum Quantensprung?

                                                                     

                                                                  Quantensprung von Quando Quando x Donnerhall x Lauries Crusador xx



Seit der Hannoverschen Körung im letzten Herbst 2016 ist der linienbetonte Dunkelfuchs sehr zurecht in aller Munde. Gleich fünf Söhne aus seinem ersten Fohlenjahrgang waren in Verden vertreten. Alle fünf wurden gekört, drei davon darüberhinaus mit der Prämie ausgezeichnet. Ein sechster wurde kurz darauf in Westfalen gekört.

Insbesondere vor dem Hintergrund der zugrundeliegenden Deckzahlen ist diese Körquote bemerkenswert. Dem Vernehmen nach hat der Hengst im ersten Jahr 120 Stuten gedeckt. Wenn diese Zahl belastbar ist hat Quantensprung mit seinen ersten sechs gekörten Söhnen bereits eine Geschichte geschrieben, die die meisten Vieldecker weit in den Schatten stellt. Reduziert man die Zahl um die Geschlechterquote (50:50 Hengst- und Stutfohlen) und einen natürlichen Ausschuss von etwa 20 Prozent (weil nicht aus jeder Bedeckung auch ein gesundes Fohlen fällt), dann zeugen sechs gekörte und teils prämierte Söhne aus ca. 50 Hengstfohlen bereits von einer ersten beeindruckenden Vererbungsleistung.

Nun kann man sich darüber streiten ob das Label "gekört" heutzutage tatsächlich noch eine qualitative Auszeichnung im Sinne von Sport- und Dressurpferd impliziert oder allein dem schnöden Mammon geschuldet ist. In diesem Falle jedoch war ich selbst begeistert und mein ganz persönliches Fazit nach einer ausgiebigen Vorauswahlreise und drei Tagen Verden lautete:

"Die Quantensprünge sind durchweg besser als der Vater, weil
a) die nötige Rippe länger, daher
b) schwingend
c) z.T. mehr Abdruck als der Vater
d) ganz effizient fussendes Hinterbein, allesamt!"

Damit ist das Wesentliche zu dem Hengst auch schon gesagt:
Ein Hengst, der sich offensichtlich besser vererbt, als er selber daher kommt, das nennt man "Zuchtfortschritt"!
Respekt!

Vor dem Hintergrund macht dann auch der Name Sinn. Während der Quantensprung in der Physik eine kleinstmögliche Veränderung von nur sehr geringfügiger Auswirkung bezeichnet, erhält der Begriff in seiner neuzeitlichen Verwendung durchaus einen konstruktiven Klang:
"Ein Quantensprung bezeichnet im Marketing einen Übergang von einem Modell eines Produkts zu einem anderen, bei dem eine besonders große Verbesserung erreicht wurde."

Soweit also zu den Eindrücken der ältesten Nachkommen des Quantensprung, die jedoch den Leistungsnachweis unter dem Sattel erst noch erbringen müssen. Ein Umstand, der mich durchaus irritiert hat, insbesondere als Bunny es erneut spannend machte mit ihrer ersten guten Rosse in diesem Jahr und es bereits Juni war, als meine Anpaarungspläne für Bunny reiften.
Den ein oder anderen Sohn des Quantensprung hätte ich durchaus bereits in einer Leistungsprüfung zu sehen erwartet. Die ersten dreijährigen Töchter lassen i.d.R. bis zu den Landeschampionaten Ende Juli auf sich warten.

Allein auf freilaufschauerfolgreiche Nachkommenleistung wollte ich eine solche Anpaarung jedoch ungern abstellen. Weshalb ich mich in diesem Jahr erstmals mit den Fohlen des Quantensprung auseinandergesetzt und nicht schlecht gestaunt habe. In Medingen feierte man 2014 bereits seinen ersten Fohlenjahrgang frenetisch, aus dem 9 Quantensprung-Fohlen einen Durchschnittspreis von 17.000 Euro erzielten, darunter seine Tochter Que Sera, die mit 38.000 Euro die Preisspitze markierte. Es war der Jahrgang, aus dem später alle zur Körung vorgestellten Hengste auch gekört wurden. Ein Jahr später erzielten weitere sieben Quantensprung-Fohlen auf dem Klosterhof einen Durchschnittspreis von 19.000 Euro. Preise, die durchaus aufhorchen liessen und Grund genug, den aktuellen Fohlensommer 2017 einmal näher zu betrachten.

Ein knappes Dutzend Quantensprung-Fohlen trabte auf zur diesjährigen Fohlenschau auf dem Klosterhof und trotz einer gewissen Züchtertreue zur Station zeichneten auch diese Fohlen sich aus durch eine ausgesprochen heterogene Stutengrundlage. Es war daher nicht ganz einfach, die Fohlen untereinander im Sinne von Vergleichbarkeit zu beurteilen. Im Vergleich zu den aufgebotenen Fohlen des ein oder anderen stark vertretenen Hengstes vom Klosterhof war jedoch auf Anhieb ein roter Faden erkennbar:
Die Fohlen des Quantensprung waren locker und durch den Körper und zeichneten sich damit durch die wertvollste Eigenschaft aus, die ein Fohlen überhaupt prägen kann. "Locker und durch den Körper", das kennzeichnet spätere Reitpferdeeigenschaften, die ein Pferd naturgegeben mit sich bringen muss, weil man so etwas einfach nicht dranreiten kann. Aus einem spannigen Strampler wird selten ein locker durch den Körper schwingendes Pferd.
"Locker und durch den Körper" war auch das Attribut, das auf der Körung die meisten seiner Söhne ausgezeichnet hatte (so sie nicht mutterseitig aus dominanter "Stramm"-Anpaarung stammten) und mithin eine Eigenschaft, die ich niemals als herausragendes Vererbungsmerkmal eines Quantensprung erwartet hätte. Einfach deshalb weil der Hengst selber mich unter dem Sattel nie begeistert hat.

Quantensprung ist dem Zeitgeist entsprechend ein hochbeiniges Pferd und damit disfunktional konstruiert. In meinen Augen ist er z u hochbeinig oder anders ausgedrückt:
dem Hengst fehlt es schlicht an einer knappe Rippe Rückenlänge zu einem funktionalen Konstrukt.
Ich habe ihn nie wirklich schwingen sehen.
Ebenso fehlt es ihm m.M. nach an dem nötigen Abdruck.
Beides fällt einem kurzen und festen Konstrukt naturgegeben schwer.
Beides trägt dazu bei, dass ein Pferd unterm Sattel eher laufend, aber nicht wirklich trabend daherkommt.
Beides machte den Hengst in meinen Augen bis dato wenig begehrlich.
Beides bin ich jedoch gern bereit ihm zu verzeihen, wenn seine Nachkommen sich durch das Gegenteil auszeichnen.

Als nächstes kramte ich den alten Körkatalog aus dem Regal, um einmal meine allerersten und gänzlich unvoreingenommenen Eindrücke zu dem Hengst anlässlich seiner eigenen Körung nachzulesen.
Und wieder einmal war es ein Vergnügen, die eigenen alten Notizen zu recherchieren!

Allerdings gab es eine Eigenschaft, die zog sich über alle drei Körtage wie ein roter Faden durch meine Notizen:
Schritt!
"Schritt sehr gut und durch den Körper!"
Und mit dem Schritt verhält es sich ebenso wie mit "Locker und durch den Körper":
Schritt hat ein Pferd von Natur oder eben nicht.
Ein spanniger Strampler wird niemals locker durch den Körper schreiten und das schon gar nicht unter dem Sattel.

Guck an!
Mittlerweile rundeten sich meine Eindrücke vom einstigen Schaupferd freilaufend, über das spätere Sattelpferd bis hin zur aktuellen Nachzucht eine Generation weiter, stimmig ab. Schritt kann der Hengst auch heute noch unterm Sattel. Schritt zeichnete auch seine ersten Söhne in Verden und auf der Vorauswahl aus (so sie nicht mutterseitig aus dominanter "Stramm"-Anpaarung stammten).

Zeit, sich mit der Abstammung des Quantensprung zu befassen.

Als grosser Fan des Quattro hätte dessen Enkel Quantensprung eigentlich auf Anhieb meine Aufmerksamkeit gewinnen müssen. Meine Nichtachtung hat er allein seinem Vater Quando Quando zu verdanken. Vorn beidseitig grob verstellt habe ich diesem Hengst nie verziehen, dass er wohl massgeblich zu dem damals weit verbreiteten Ruf des alten Quattro beigetragen hat, dieser vererbe gern Fehlstellungen. Quattro hatte ich nun selber bereits hinreichend angepaart, und in Verbindung mit Fidermark durchaus herausfordernd, und alle meine Fohlen waren korrekt.
Einen Hengst wie Quando Quando jedoch überhaupt zu kören und darüberhinaus zum Prämienhengst und Reservesieger zu machen, das verwies jeden ernsthaften Selektionsanspruch ad Absurdum.
Dennoch ist trotz dieses Makels ein erfolgreiches Dressurpferd aus dem Hengst geworden. Unter seiner Besitzerin Kristy Oatley-Nist platzierte er sich unter australischer Flagge in Grand Prix-Prüfungen, 2004 schloss sich an den Sieg im B-Finale des Weltcups die Nominierung für die Olympischen Spiele in Athen an. 2006 war Quando Quando erfolgreichster Oldenburger anlässlich der Weltmeisterschaft in Aachen.
Das sagt einiges aus über Härte und Belastbarkeit eines Pferdes, das einer Exterieurbeschau nicht gerecht wird. Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis liegt eben immer in der Praxis.

Mittlerweile hat sich vieles geändert und selbst in Verden wurde Jahre später ein ähnlich verstelltes Exemplar zum Prämienhengst gekürt, das jeder angemessenen Fehlerguckerei bis heute strotzt und neben starkem züchterischen Einfluss inzwischen auch durchaus sportliche Akzente setzt.

Doch auch züchterisch setzte Quando Quando Masstäbe und dürfte mit seinem Sohn Quantensprung wohl zum bedeutendsten Erben des Quattroblutes avancieren. Eine Idee, die mir ausserordentlich gut gefällt, schliesst sich doch so der Kreis zu meiner allerersten Anpaarung vor 15 Jahren, als ich Fabrice an Quattro anpaarte …
Der Vollständigkeit wegen sei hier noch Quicksilber genannt, der Weltmeister der fünfjährigen Springpferde 2005, ein überaus sportlicher Sohn des Quattro, gezogen aus einer Mutter von Restorator und von nur geringem züchterischem Einfluss. Letzteres mag dem Umstand geschuldet sind, dass dieser herrliche Dunkelfuchs kurz nach dem WM-Erfolg das Haus Schockemöhle in Richtung Südamerika verliess. Ein Abgang, der vermutlich ebenso hinreichend "versilbert" war.


                                                                                                       



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