Die Geschichte des Acatenango - eine Legende.

                                                                       

                                                                           Acatenango xx von Surumu x Aggressor


Der lateinische Begriff "legendum" bezeichnet ursprünglich eine Geschichte zum Lesen oder auch Vorlesen
Und die Geschichte des Acatenango ist sicherlich lesenswert - ich will mich bemühen diesem Pferd in meiner kleinen Hommage gerecht zu werden.

Bereits zu seiner aktiven Zeit war Acatenango einem breiten Publikum bekannt, darunter viele, die eigentlich gar nichts mit dem Rennsport zu tun hatten. Ich erinnere mich noch selber gut an die Zeit als ich vor dem schwarz-weiss Fernseher meiner Eltern klebte wenn Jahr für Jahr die Wahl zum Galopper des Jahres anstand. Und wenn wir damals schon einen Farbfernseher besessen hätten wäre meine Wahl vielleicht gar nicht auf Windwurf gefallen sondern auf den herrlichen und auffälligeren Fuchs Acatenango - sollten es doch auch später immer wieder Füchse sein, die mich magisch anzogen. Und kein Zufall sicherlich dass die bedeutendsten Kinder des Surumu als auffälligstes Erbe zunächst einmal seine Farbe mit ihm teilen - neben Acatenango gewannen auch Mondrian (1989) und Temporal (1991) das Deutsche Derby, während der aus seinem letzten Jahrgang hervorgegangene Osorio das Derby Italiano für sich entscheiden konnte.
Alle vier genannten Derbysieger sind Füchse. Und noch heute sind es diese beiden Gesichtsstudien des Acatenango und seines Vaters Surumu, in denen ich wieder und wieder versinke.
Augen, in denen die Seele des Pferdes liegt.
ganz sicher!
Umso grösser ist mein Stolz jeden Tag wenn ich dann meine kleine Balahé sehe, Acatenangos Enkelin:
da bin ich ganz sicher, das ist das Auge des Acatenango das mich da ansieht! 
 



An Schicksal mag ich nicht glauben, so ist wohl nur ein grosser Zufall dass ich selber noch im April des Jahres 2005 das Glück hatte Acatenango auf Fährhof besuchen zu dürfen. Er präsentierte sich als Pferd dem man sicher sein Alter ansah, das aber sein Rentnerdasein in vollen Zügen zu geniessen wusste und dem Lebensfreude und Geist aus den Augen sprachen - ich konnte mich damals nicht von seiner Weide lösen. Hätte man mir damals im Beisein des Acatanengo vor seinem Paddock erzählt dass ich kurze Zeit später selber eine seiner Töchter, Ionia nämlich, mein eigen nennen würde- ich hätte laut gelacht. Für mich war Acatenango Legende - lebende Legende - schon damals. So freute ich mich ein paar Fotos von ihm machen zu dürfen und war bestürzt als kurze Zeit später die traurige Nachricht von seinem Tod im verdienten Alter von 23 Jahren bekannt wurde.

                                                                    

Acatenangos Geschichte begann im Dezember 1970 als Walther Jacobs die braune Aggressor-Tochter Aggravate in Newmarket ersteigerte. Aggravate konnte ihren hohen Preis zunächst durch ihre Nachzucht kaum rechtfertigen, wie es hiess. Sie war tragend von Darring-Do und das daraus fallende Stutfohlen machte später als Antioquia von sich reden, Mutter des Abary, dem zweimaligen Sieger des Grossen Preises von Berlin. Aggravate selber brachte zunächst zwei weitere Hengstfohlen in Verbindung mit Surumus Vater Literat bevor sie dann 1981 erstmals direkt von Surumu gedeckt wurde. Am 13. April des darauffolgenden Jahres kam der Fuchshengst Acatenango zur Welt, benannt nach dem südamerikanischen Vulkan.      

Doch eigentlich ... eigentlich muss man die Geschichte des Acatenango mit der seines Vaters Surumu beginnen, denn es ist Surumu der letztendlich mit und für Fährhof Geschichte schrieb und ohne den es das Gestüt Fährhof und mit ihm seinen Einfluss auf die deutsche Vollbutzucht schlechthin heute wohl gar nicht gäbe.
Am schönsten liest sich diese Geschichte mit den Worten Walter Kahrs', seit 1980 Gestütsmeister auf Fährhof, das 1963 als zunächst kleines Warmblutgestüt von Walther Jacobs gegründet wurde.
„Wir waren damals Neulinge und wurden zunächst gar nicht anerkannt, immerhin kamen alle herausragenden Vollblüter aus dem Westen Deutschlands.“ Mitte der 60er Jahre hatte der Bremer Geschäftsmann Jacobs in Sottrum mit der Warmblutzucht begonnen, stieg jedoch schnell auf Vollblutzucht und –rennsport um. „Er war ehrgeizig und wollte international erfolgreich sein." Die wohl entscheidende Wende zum Erfolg wurde 1969 gemacht, als Jacobs die 17-Jährige Stute Suncourt auf einer Auktion in England erstand. Aus ihr ging 1970 die Rappstute Surama hervor. Als diese vierjährig Surumu zur Welt brachte, war dem Fuchshengst das Rennblut schon in die Wiege gelegt – sein Vater Literat, der wiederum das Blut der Erfolgshengste Birkhahn, Alchimist und Herold führte, gewann drei renommierte deutsche Rennen. Die kleine Geschichte des grossen Birkhahn ist an anderer Stelle auf dieser Seite bereits nachzulesen.
Birkhahns Sohn Literat war es, der 1968 den ersten Fährhofer Derby-Sieg schon vor Augen hatte. „Literat ist ein grandioses Rennen gelaufen, splitterte sich jedoch auf halbem Wege das Bein und wurde letztendlich nur fünfter“, berichtet Kahrs. Mit seinem Sohn Surumu, der nach einem Nebenfluss des Amazonas benannt wurde, kam schließlich der erste große Zuchterfolg.
Die Affinität des Walther Jacobs für südamerikanische Namensgebung seiner Hengste ist kein Zufall - liegt die Existenz des Gestüts Fährhof doch im südamerikanischsten aller Exportprodukte begründet: der Kaffebohne nämlich...   

Im Sommer 1977 gewann Surumu dann das 108. Deutsche Derby mit mehr als sieben Längen Vorsprung und schrieb damit Fährhofer Geschichte. Nach dem Deutschen Derby ging er dreijährig nur noch ein weiteres Rennen bei dem er sich eine Verletzung an der Sehne zuzog, die das jähe Ende für Surumus Karriere auf der Rennbahn bedeutete. Gleichzeitig legte Surumu damit aber den Grundstein zum Beginn seiner eigentlichen Karriere als Deckhengst, er sollte später einer der erfolgreichsten Beschäler Deutschlands werden. Vierjährig begann seine Laufbahn als Deckhengst, in der er zahlreiche Auszeichnungen als Champion-Deckhengst und –Vererber erhielt. „Mittlerweile hat jedes vierte Vollblut in Deutschland Surumu im Pedigree“ weiss Kahrs zu berichten. Vor allem Surumus Töchter vererbten seine Qualitäten als ausgezeichnete Zuchtstuten. Bis zu seinem Tod im November 1999 gab der Fuchshengst seine Gene weiter. „Mit 25 Jahren hat Surumu noch 33 Stuten gedeckt, das letzte Mal wurde er im Juni 1999 eingesetzt“, so Kahrs. Er sei einen schönen Tod gestorben und war bis zuletzt „ganz der Hengst": „Er ist gestiegen wie in jungen Jahren und hat jeden Tag seine Ehrenrunde auf der Koppel gedreht. Als er sich danach wälzte, wie er es immer tat, versagte sein Herz. Er war sofort tot“. Surumu wurde auf Fährhof ein bronzenes Denkmal gesetzt das jeden Besucher bei der Einfahrt ins Gestüt sofort begrüsst. 

Das Erbe des Surumu pflegte Zeit seines Lebens sein Sohn Acatenango auf Fährhof. Anlässlich unseres Besuches wiederholte Kahrs dann auch was schon so oft geschrieben stand: „Er hat seinen Vater fast übertroffen.“
Ich denke dem ist so.
Acatenango galoppierte eine Gesamtgewinnsumme von 1,7 Millionen Mark für Fährhof ein, er siegte nicht nur im Deutschen Derby 1985 – er gewann außerdem sieben Gruppe-I-Rennen, wurde dreimal zum Galopper des Jahres gewählt und ist ChampionDeckhengst der Jahre 1993, 1995, 1997 und 1999 sowie Champion der Väter von Zweijährigen 1992.

Und hier beginnt nun die eigentliche Geschichte des Acatenango der zu Heinz Jentzsch nach Köln ins Training kam und bereits zweijährig fünf Starts absolvierte.
Und wie das so ist mit den Geschichten grosser Legenden - meist beginnen sie ihr Dasein wenig spektakulär und oft im Schatten anderer Grössen ihrer Zeit. Im Falle des Acatenangos war dieser Schatten der seines Stallnachbarn Lirung, jüngerer Halbbruder zu Lagunas aus der Lirunga, einer Tochter des Literat aus ebenfalls Fährhofer Zucht.. Über Lirung und Acatenango schreibt der Turfkönig: "
Wenn Acatenango beim Einrücken in den Stall Asterblüte von Trainer Heinz Jentzsch das häßliche Entlein war, dann war Lirung der Schwan. Ein weit entwickelter Jährling von auffälliger Gestalt - ein großer Fuchs mit weißen Hinterbeinen und einer breiten Blesse - der außer Flausen vor allem Galoppieren im Kopf hatte." Und doch zeigte sich später was man auch schon bei Lagunas vermutet hatte: Echtes Stehvermögen fehlte ihm.
Ganz im Gegensatz zu Acatenango, dessen herausragenste Eigenschaft eben Steherdistanzen waren und die Tatsache, dass die eigenen Erfolge über eine Mehrzahl von Jahren im aktiven Rennsport errungen wurden - darauf kommt es an im Hinblick auf Härte und Gesundheit, die beiden Haupteigenschaften neben der Veredlung des Exterieurs, das ist es was wir vom Vollbluteinsatz in der Warmblutzucht erwarten müssen - und weshalb ich Acatenango eben diese Seiten heute widme...

Aber wir wollen der Geschichte nicht vorgreifen.
Zunächst einmal machte Acatenango in erster Linie als unkompliziertes braves Pferd von sich reden, wurde nur zehnter bei seinem ersten Start und wurde bei folgenden Rennen gegen Lirung lediglich dritter und fünfter, weit hinter seinem Stallgefährten, in dessen Schatten er nunmal galoppierte. Da nutzte es wenig dass beide die selben Stallfarben trugen. Lirung ging mit dem Versuchsrennen der Hengste 1984 in Köln lediglich spazieren, oft zeigten die Zielfotos nichteinmal mehr den Zweitplatzierten, so gross war der Abstand...
und doch:
immerhin gewann Acatenango 1984 bereits bei seinem zweiten Start den Preis des Gestütes Fährhof in Bremen überlegen, wenn es auch sein einziger Sieg in diesem ersten Jahr bleiben sollte. So richtig aufgehen sollte sein Stern dann erst in seiner zweiten Saison als Dreijähriger.
Er kam sah und siegte - die ersten sechs Rennen des Jahres 1985 gewann er in Folge, darunter im Juli das Deutsche Derby in Hamburg am selben Tag übrigens als Boris Becker Wimbledon gewann... und auch dort trug er nur die zweite Stallfarbe. Es war eine der wenigen Begebenheiten als der Meilenspeizialist Lirung als hoher Favourit
die klassische Distanz von 2400 im Derby bestritt - und er zog das Feld auf Längen auseinander, in seinem "Schatten" stets Acatenango - bis dann die Stimme des Stadionsprechers Manfred Chapman sich bei Einbiegen auf die Zielgerade beinahe überschlug als er ins Mikrophon schrie: "ACATENANGO! ACATENANGO geht an Lirung vorbei!"
Acatenango siegte beeindruckend mit vier Längen und Trainer Heinz Jentzsch hatte das Kunststück fertiggebracht alle drei Erstplatzierten gestellt zu haben: Acatenango, Pontiac und Lirung.
Den letzten Start in diesem Jahr bestritt Acatenango dann im Aral-Pokal gegen ältere Pferde, hier war sein Onkel Abary favoritisiert, den er zwar mit wenig Abstand aber dennoch überlegen schlug.

Dreijährig blieb er ungeschlagen, vierjährig sollte er an die selbe Form anknüpfen:
er machte das Dutzend Siege voll.
Den beeindruckensten Erfolg dürfte er in diesem Jahr wohl in Frankreich geliefert haben beim Grand Prix de StCloud womit er aus deutscher und aus Fährhofer Sicht einen weiteren Meilenstein für die deutsche Zucht auf internationaler Ebene setzte - der erste Gruppe I Sieg für ein deutsches Pferd im Ausland.
Wiederum in Frankreich, zum Prix de l'Arc de Triomphe in Longchamp, stand dann die "13" gegen ihn - nach einigen Diskussionen und einer langen Saison wurde er dennoch aufgeboten und musste sich mit Platz sieben gegen überaus starke Konkurrenz geschlagen geben.
... und wie das so ist mit herausragenden Pferden die ihr Bestes geben - manchmal wäre weniger sicher mehr - als fünfjähriger siegte er noch weitere vier Male, musste aber auch Niederlagen einstecken, insbesondere sein letzter Auftritt beim Preis von Europa wäre ihm besser erspart geblieben - als Vorletzter galoppierte er über die Ziellinie und der Ruhm wog schwer - dies war der Rekordhalter in Deutschland mit über DM 1,7 Mio Gewinnsumme im Gepäck - man hätte ihm gern einen rühmlicheren Abschied gegönnt.

Insgesamt absolvierte Acatenango in vier Jahren 24 Starts, gewann davon 16 Rennen und war drei weitere Male im Geld. Er erhielt mit 110 kg die höchste GAG Marke.
Der Fuchshengst siegte nicht nur im Deutschen Derby 1985 – er gewann außerdem sieben Gruppe-I-Rennen, wurde dreimal zum Galopper des Jahres gewählt und ist ChampionDeckhengst der Jahre 1993, 1995, 1997 und 1999 sowie Champion der Väter von Zweijährigen 1992.

1988 bezog er seine Beschälerbox auf Fährhof und stellte gleich aus seinem ersten Jahrgang den Publikumsliebling Protekor; "eisenhart" und vierfacher Gruppesieger. Mit Lando, Borgia und Nicaron stellte er die Derbysieger der Jahre 1993, 1997 und 2005 sowie den 2004 im französischen Derby siegreichen Blue Canari. Und jedes dieser Kinder des Acatenango ist eigentlich seine eigene Geschichte wert...

So war 1997 das Jahr der Borgia (a.d. Britannia von Tarim - Tudor Melody):
Mit einer Gewinnsumme von 1 854 389 Mark war Borgia das mit Abstand beste Rennpferd Deutschlands, aber auch die profilierteste Stute aller Zeiten in unseren Grenzen. Sie gewann nicht nur das Deutsche Derby in Hamburg, was damit zum ersten Mal seit 42 Jahren wieder einer Stute gegen die besten dreijährigen Hengste gelang. Sie blieb auch gegen ausländische Elite im Groen Preis von Baden-Baden Siegerin. Und spätestens dieser leichte Erfolg auch gegen ältere Spitzenpferde machte deutlich, daß sie ihre wahre Konkurrenz nur international finden konnte. Sie wurde für viel Geld (130.000 Mark...) im Prix de l'Arc de Triomphe nachgenannt und belohnte dieses Wagnis mit einem vielbeachteten dritten Platz. Zum Abschluss der Saison war sie Anfang November mit nicht einmal einer Pferdelänge zurück Zweite im berühmten Breeders' Cup Turf in Hollywood Park und machte sich damit auch in den amerikanischen Sportbüchern unsterblich.
...
(die Geschichte von Borgia wird fortgesetzt)
anbei ein Foto von Borgia das mich - als ich es zufällig entdeckte - schlicht verblüffte und es noch immer tut:
Ich habe die Stute persönlich nicht gekannt und nie eine Farbe mit dem Pferd assoziiert. Als ich dann zufällig auf diese Bild stiess, den trockenen Kopf, die Augen - da drängte sich die Assoziation zu meiner Ionia geradezu auf:
offensichtlich kann Acatenango sein Erbe in seinen Töchtern, selbst wenn sie meist schlicht braun daher kommen (oder gerade dann?), wahrlich nicht leugnen...

Lando seinerseits schrieb deutsche Turfgeschichte in Japan als er dort im Jahr 1995 den Japan Cup gewann - die klaffende Fleischwunde am Hinterbein die er sich bei seinem Start in Belmont (USA) zugezogen hatte war noch nicht ganz verheilt. Die japanischen Fernsehteams zeigten Lando bei der Morgenarbeit in Tokyo als sein Trainer Heinz Jentzsch den Verband noch kontrollierte. Lando sollte mit über DM 5 Mio Gewinnsumme das siegreichste Pferd Europas werden. Lando ist auf die rechten Geschwister Liberty und Literat ingezogen, beide sind direkte Söhne des Birkhahn und beide sind auch über den fallenden Mutterstamm gleich dreifach auf Birkhahns Vater Herold ingezogen
Nicht unerwähnt bleiben soll auch die Acatenango-Tochter Wurftaube, überlegene St.Ledgers Gewinnerin und ungeschlagen über sieben Rennen in Folge. 
Vielbesprochen sicherlich auch sein Sohn Sabiango (benannt nach einem südamerikansichen Provinzstädtchen in Equador, und damit wird klar in wessen Besitz er sich befindet...), Halbbruder zu Silvano (beide aus der amerikanischen Champion-Zuchtstute Spirit of Eagles), dreifacher Gruppe-I Sieger und seit 2006 in Frankreich stationiert.
Frankreich?
dazu Kahrs:
"Wir hätten ihn sehr gern als Nachkommen von Acatenango auf dem Fährhof aufgestellt. Leider erlaubt die Besitzervereinigung dies nicht, da er bei seinen Rennen in den USA unter Lasix lief. Für mich ist er trotzdem der beste Sohn Acatenango's über 2000m, weshalb wir ihn in der Saison 2006 nutzen werden."  Sein Bruder Silvano ist erfolgreicher und vielbeschäftigter Deckhengst in Südafrika.
Von Acatenangos Söhnen in der deutschen Zucht wurden Lando und Protektor bereits erwähnt. Noch nicht zu beurteilen sind Hamond (erster Jahrgang 2005) und Aesculap mit seinen ersten Jährlingen in diesem Jahr. Dazu kommt der in 2005 neu aufgestellte Diamante aus der Fährhofer Zucht. Acatenangos letzter Jahrgang sind die Jährlinge diesen Jahres, die schon als solches hohen Stellenwert haben.   
Aktuell wird dieses Jahr am 1.Juli 2007 sein Sohn Conillon die Farben des Gestütes Fährhof beim Deutschen Derby in Hamburg vertreten - ein Fuchshengst übrigens, wie könnte es anders sein :-) ... und nicht nur für die Buchmacher ist er einer der drei Top-Favoriten: Favorisiert werden in erster Linie der Bavarian Classic-Sieger Persian Storm von Monsun (Kurse zwischen 35 und 70:10), Union-Gewinner Axxos, ebenfalls ein Sohn des Monsun (45 bis 120), sowie der Fährhofer Conillon (55 bis 65:10).

Einfluss auf die Warmblutzucht nahm und nimmt Acatenango nicht nur über seine Söhne Kanudos, Wörthersee, Ituango und Pacajas sondern insbesondere über seine Söhne Colon, Conciales, Concepcion und Flucato, die ersten drei Vollbrüder aus der Comprida von Windwurf x Tudor Melody und damit über den Mutterstamm verwandt mit Lauries Crusador xx dessen Vater Welsh Pageant ein Sohn des Tudor Melody ist, die letzten beiden (Concepcion und Flucato) stationiert im Landgestüt Warendorf. Insbesondere von Concepcion hätte man sicherlich mehr erwarten dürfen, waren die wenigen Nachkommen die er in Anpaarung mit häufig schweren westfälischen Stuten hatte doch sehr vielversprechend. Der Hengst wurde mangels Befruchtung ausrangiert und deckte 2001 noch eine Saison auf dem Hof von "Stutenzaubermeister" Willy Korte in Lengerich wo er dem Hörensagen nach noch sieben Stuten befruchtet haben soll - was aus diesen Nachkommen geworden ist - das wissen die Götter...  Ich erinnere mich noch selber gut an einen Sohn des Concepcion aus recht prominenter Mutterlinie auf einer der Vorauswahlen zur westfälischen Körung - ein Hengst der geradezu im Antritt hinten tiefergelegt war als er lostrabte - mit einem Takt versehen der manch einen Warmblutkollegen vor Neid hätte erblassen lassen. Ich habe nie verstanden warum dieses Pferd den Sprung zur Körung nicht geschafft hat - damals wurde mir langsam bewusst dass blutgeprägte Pferde es im hiesigen Zuchtgebiet nicht leicht hatten.    
Aktuell steht mit Desario xx von Acatenango (Mv Shaadi xx) ein vielversprechender Sohn den Züchtern im friesischen Oldenburg zur Verfügung - ein Hengst der anlässlich der Althengstparade in Oldenburg die Herzen der blutbegeisterten Züchter höher schlagen liess - wollen wir also hoffen dass der mittlerweile allseits viel beanspruchte und gedruckte Ruf nach Blut Worten auch mal Taten folgen lässt - an den Hengsten liegt es sicher nicht. Immerhin hat dem Vernehmen nach der Zuchtleiter des Oldenburgischen Verbandes höchstselbst den Hengst für seine Stuten genutzt - und ich warte auf den Tag an dem soetwas auch einmal in Westfalen passiert ... vielleicht wenn die Schranken in Münster einmal nicht unten sind, die Glocken nicht läuten und ausserdem die Sonne scheint - ??

So richtig inspiriert hat mich dann aber ausgerechnet unser Stallmeister Tony, selber lange Jahre Gestütsleiter eines Vollblutgestütes, als er eines Tages vor meiner Ionia stand und aus tiefsten Herzen sagte:
"Mädchen, du hast die Augen deines Vaters - Acatenangos Auge!"
Da war mir gerade der alte Zeitungsausschnitt mit obigem Titelfoto von Acatenango in die Hände gefallen und ich konnte ihm nur von ganzem Herzen beipflichten - seither sehe ich meine Ionia mit anderen Augen - im wahrsten Sinne des Wortes.
Und wenn ich heute vor der kleinen Balahé stehe und sie mich aus ihren Kulleraugen ansieht dann weiss ich:
das ist das Auge des Acatenango.
und da spielt es dann auch gar keine Rolle mehr ob man nun Vollblüter oder Warmblüter züchtet - die Legende lebt.
Und ich hoffe sie wird weiterleben in der kleinen Balahé und allen weiteren Fohlen die mein Igelchen mir hoffentlich noch beschert.
Acatenango eben.       

                                        
                                                                        Balahé von Brentano II a.d. Ionia xx von Acatenango xx - im Sommer 2012

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Quellenangabe:
neben meinem Gespräch mit Herrn Kahrs im April 2005 diente die Rotenburger Rundschau und das Gestüt Fährhof selber mit seiner Webseite www.fährhof.de als wertvollste Quelle.
Fotomaterial ist schwer nachzuvollziehen da es sich hierbei oft um gesammelte Ausschnitte aus alten Printmedien handelt deren Ursprung nicht mehr nachvollziehbar ist.
Wertvolle Infomationen liefert der www.turfkönig.de sowie diverse rennsportspezifische Webseiten sofern sie sich mit der Aufbereitung alten prä-internet-zugänglichen Materials beschäftigen. 



                                              Birkhahn - die kleine Geschichte einer grossen Legende


                                                                                   

Nachdem 2005 die Vollblutstute Ionia xx , mein Igelchen, in meiner kleinen Stutenherde Einzug gehalten hat, war es selbstverständlich dass ich mich ausführlich mit ihrem Pedigree auseinandersetzte. Und was mir persönlich ganz besonders an Ionias Pedigree gefällt ist die Inzucht auf Birkhahn. Birkhahn erblickte im März 1945 auf dem Preussischen Hauptgestüt Altefeld das Licht der Welt. Während meiner Frankfurter Zeit fuhr ich einige Male nach Altefeld und hatte damals das grosse Vergnügen mit dem Gestütsherrn Manfred Graf auf einem seiner Vollblutnachkommen dort ausreiten zu dürfen. Wenn mir damals schon in dem Ausmass wie heute bewusst gewesen wäre um welch geschichtsträchtige Stätte es sich hier handelte - ich glaube ich wäre niemals wieder abgesessen... 

Birkhahns Ursprung führt über Alchimist und Herold im direkten männlichen Stamm zurück auf seinen Urgrossvater Dark Ronald und damit wohl auf DEN Linienbegründer der deutschen Vollblutzucht schlechthin. Im Jahre 1913 wurde der Ire Dark Ronald von der Preussischen Gestütsverwaltung für sage und schreibe 125.000 englische Pfund gekauft - das entsprach damals einem Gegenwert von 500.000 Goldmark. Zum Vergleich: Birkhahns späterer Jockey Walter Genz erhielt während seiner Ausbildungszeit zum Berufsrennreiter im Stall Waldfried 1926 zunächst 1 Mark Lehrlingsgeld die Woche... 
Dark Ronald wurde zum einflussreichsten Deckhengst der je in Deutschland deckte und geht über Eclipse in direkter männlicher Linie zurück auf den 1702 geborenen Darley Aarabian, dieser wiederum gilt neben Godolphin Arabian und Byerley Turk zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts als einer der drei Begründer der englischen Vollblutzucht schlechthin.

Birkhahn, ein Sohn des legendären und ausserordentlich typschönen Alchimist, war also ein Kriegskind und es war sicher mehr als nur eine Fügung des Schicksals dass er im entscheidenden Moment in das Gestüt Schlenderhahn wechselte und sowohl die deutsche wie auch die internationale Vollblutzucht in gigantischer Weise positiv beeinflusste. In erster Linie verdankte er seine Karriere der Unscheinbarkeit seiner Mutter Bramuse, die der im besetzten Frankreich ansässige Baron Rothschild "weil nicht genug Futter da war für all die Zuchtstuten" für damals 6.000 Reichsmark an die in Deutschland beheimatete Frau von Heynitz verkaufte. In den Wirren der Nachkriegszeit jedoch erfolgten immer wieder Beschlagnahmungen, die der Musterung und Repatriierung von zu Unrecht als Beutegut erworbenen Pferden galten, und diese in ihre Ursprungsländer zurückführen sollten. Bramuse jedoch wollte keiner so recht haben und so konnte Frau von Heynitz sie mit ihrem späteren Fohlen Birkhahn zu guter letzt doch behalten. Jedoch konnte Frau von Heynitz dem lukrativen Angebot des Leipziger Kunsthändlers Karl-Heinz Wieland für Birkhahn nicht widerstehen, so wechselte der Hengst  noch vor seinem ersten Start als Zweijähriger den Besitzer und sie führte Birkhahn seinerzeit höchstpersönlich am Halfter in einer Nacht und Nebel Aktion über die Zonengrenze. So wurde Birkhahn also zu einem Kind der deutschen Ostzone und legte den Grundstein zu seinem Erfolg ungeschlagen auf den geschichtsträchtigen Rennbahnen in Leipzig und Hoppegarten, wo er manches Mal auf seinen älteren Bruder Bürgermeister a.d. Bramuse - dieser jedoch ein direkter Sohn des Herold - traf. Unter grössten bürokratischen Mühen durfte er dann als einziger Vertreter des Ostens im Sommer des Jahres 1948 vorübergehend in den Westen nach Hamburg zum Deutschen Derby ausreisen. Der glanzvolle Derbysieg in Hamburg brachte ihm den Beinamen "Löwe der Ostzone" ein.

Mit Spannung hatten die Sachverständigen des Rennsports – das ist in Hamburg ein Kreis, der vom Senator bis zum Hafenarbeiter reicht – die Kunde vernommen, daß Birkhahn, der braune Hengst aus Hoppegarten, der ungeschlagene Sieger in allen, letztjährigen Rennen der Ostzone, sein Erscheinen zugesagt habe. (Natürlich hatte sein Besitzer, Herr Wieland, in seinem Namen gesprochen.) Die „Berliner Emigration“, die in Hamburg ausnehmend stark ist und deren Kreis vom prominenten Schauspieler bis zum unermüdlich schwitzenden Postboten reicht, vernahm diese Kunde sogar mit gewisser Rührung. Denn Birkhahn, der in Hoppegarten, dem berühmten Gelände nahe der Reichshauptstadt wohnt, ist so gut wie ein Berliner. Deshalb haben viele nicht nur aus niederer Gewinnsucht, sondern aus höherem Solidaritätsgefühl auf diesen ihren Landsmann, besser: auf dieses ihr Landspferd !gesetzt und sind denn auch nicht enttäuscht worden. Aber sie wußten nicht, in welcher Gefahr ihr Favorit schwebte ...

Wie man weiß, sind Rennpferde die prominenten Zeugnisse für die Abstammungslehre. Und ob das wirklich nur ein Druckfehler war, daß Birkhahn auf dem Programmheft als „dbr. St. v. Arjaman-Bulgaria“ angegeben wurde? Man sollte es glauben, denn die Lautsprecherstimme überm Horner Rennplatz berichtigte dies sofort. Birkhahn ist ein brauner, wunderschöner, riesig gewachsener Hengst, von dem jeder Pferdekenner weiß, woher er stammt. Der Vater war der berühmte „Alchimist“, der 1933 das Derby gewann, seine Mutter heißt „Bramouse“ und wurde aus Frankreich – wie die Franzosen sagen – entführt, oder – wie die Deutschen sagen – gekauft und hoch bezahlt. „Bramouse“ aber hat den Namen gewechselt. Sie soll sich immer noch in Deutschland aufhalten, wenn man auch offiziell nicht weiß, wo. Die Franzosen nun, die offensichtlich auf dem Standpunkt stehen, daß, wenn die Mutter nicht greifbar ist, man sich am Sohne schadlos halten könne, beantragten, Birkhahn solle beschlagnahmt werden. Sein Besitzer erfuhr von der Gefahr, die seinem Birkhahn drohte, lud den Hengst in den Wagen, versteckte ihn irgendwo in der Heide und tauchte erst wieder auf, als ihm versichert wurde, er möge kommen, er werde sehen, daß nichts passieren würde. (Offenbar ist die englische Behörde als Schutzmacht aufgetreten.)
                                                                                                                                                                                                                                                                                             Die Zeit, August 1948


Insgesamt gewann er 16 von 22 Rennen, davon die ersten zwölf in Folge. Ein wenig Horsemanship seitens des Besitzers hätte ihm sicherlich die Niederlagen in zum Teil angeschlagenen Zustand (er zog sich eine Sehnenverletzung zu der man wenig Beachtung schenkte) erspart. Auch käme heute niemand mehr auf die Idee einen Champion Galopper innerhalb einer Woche für zwei schwere Rennen (darunter das 2600 Meter Derby in Hamburg) auf einem Holpertransport von über 600 km quer durch die Republik zu schicken. Allein - nach dem Verlust des "unbeaten Certificate" war der Nimbus dahin. So lief Birkhahn im darauf folgenden Jahr noch einige Rennen unter schweren Handicaps (GAG 96kg) und gab bis zum Schluss sein bestes.
Auch in der Zucht war er ein Volltreffer - und dennoch blieb er der sprichwörtliche Prophet der nichts in seinem eigenen Vaterland galt. Als Deckhengst in Privatbesitz bekam er in der DDR nicht die ihm zustehenden Chancen, brachte es aber dennoch in den Jahren 1956 - 1959 zum DDR Champion der Vaterpferde und stand in zwölf aufeinander folgenden Jahren an der Spitze der Stutenväter. Nachdem er später formell in den Besitz des Gestütes Graditz übergegangen war durfte er 1959 im Austausch gegen den Hengst Asterios nach Schlenderhahn ausreisen. Schlenderhahn, das sich seit Ende der 50-er Jahre in einer züchterischen Krise befand, konnte sich nicht zuletzt dank Birkhahns Zuchtleistungen wieder zurück an die Spitze der Champion-Statistiken melden. Ein Herzversagen beendete seine Beschälerkarriere dort im Jahre 1965.

Zielgerichtete Inzuchten auf Birkhahn lieferten zahlreiche Spitzenpferde, allen vorab sicherlich Lando (v. Acatenango), der auf die rechten Geschwister Liberty und Literat (Foto links) ingezogen ist. Beide sind direkte Söhne des Birkhahn und beide sind auch über den fallenden Mutterstamm gleich dreifach auf Birkhahns Vater Herold ingezogen. Aktuell ist das jüngste Glied dieser Kette, Paolini, dabei ein neues Kapitel seiner Ahnenreihe zu schreiben. Paolini (v. Lando a.d. Prairie Darling) gilt als erfolgreichster deutscher Galopper aller Zeiten und tritt nun seine Laufbahn als Beschäler im Gestüt Ittlingen an. Sein Bruder Platini (v. Surumu a.d. Prairie Darling; Gestüt Harzburg) ist ihm in der Zucht einige erfolgreiche Jahre voraus. Mit dem WM-Sieger Epalo hat sich neben Paolini ein weiterer Sohn des Lando für einen Beschälerposten qualifiziert. Vielbesprochen sicherlich auch Acatenangos Sohn Sabiango, Halbbruder zu Silvano (beide aus der Spirit of Eagles), dreifacher Gruppe-I Sieger und "umständehalber" nach Frankreich verschlagen und damit wohl dem direkten potentiellen Einfluss auf die deutsche Vollblutzucht entzogen. Dennoch - das Erbe des Birkhahn ist unauslöschbar mit der deutschen Vollblutzucht und ihren Erfolgen verwoben.
Dark Ronald Herold Alchimist Birkhahn Literat Surumu Acatenango Lando Paolini - eine unendliche Geschichte.

 

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